Libanon 2022

Wie die Zeit vergeht... Langsam und gleichzeitig schnell!

Es ist erst eine Woche vergangen und doch schon so viel passiert!
Es ist schon eine Woche vergangen und wir haben noch so viel zu tun!

Während unserer ersten Etappe im Libanon haben wir viel erlebt und gearbeitet. Dinge organisiert und gekauft, Malworkshops gehalten, Clown-Shows gegeben…Am Abend können wir oft gar nicht glauben, dass all die erlebten Dinge des vergangenen Tages in einen einzigen Tag hineinpassen…So viele Eindrücke prasseln auf uns ein: Freud neben Leid, arm neben reich, Hoffnung neben Verzweiflung.Wir alle sind wie wissbegierige Schwämme und erfahren täglich Neues von unseren Freunden hier im Libanon, das wir versuchen aufzusaugen und gleichzeitig zu verarbeiten. Manchmal gelingt das, manchmal nicht.

Vieles von dem Erzählten schreit vor Ungerechtigkeit zum Himmel, und wir verneigen uns in Demut vor diesen herzlichen Menschen und ihrer Lebensweise.

Auch unsere Sorge gilt zu manchen Momenten dem Wechselkurs Euro - zu Dollar - zu libanesischem-Pfund. Noch vor einem halben Jahr hätten wir mit dem selben Kontingent an Euro-Spenden deutlich mehr Dollar zur Verfügung gehabt, mit welchem alle größeren Anschaffungen und Investitionen im Libanon getätigt werden. Weil ein paar mächtige weiße Männer Krieg spielen müssen, spüren nun auch wir, was es bedeutet, wenn die eigene Währung plötzlich nicht mehr so stabil ist, wie wir es aus der Vergangenheit gewohnt waren.

Aber was ist das schon im Vergleich zu der Inflation, die die Menschen im Libanon die letzten Jahre erleben...

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Wenn im Libanon, in Syrien, in Palästina die Bomben fallen, wird deshalb kaum ein Europäer Sorgen haben müssen, sein täglich Brot nicht mehr bezahlen zu können. Umgekehrt wird durch den Krieg in Europa und die deshalb verhängten Sanktionen, das Brot für die aus Krieg und Elend geflohenen Menschen aus Syrien und Palästina plötzlich um ein vielfaches teurer (Libanon bezieht/bezog einen Großteil des Getreides aus Russland). Auch für Libanesen ist es oft nicht mehr möglich, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Viele junge Menschen ziehen wieder zurück zu ihren Eltern oder gehen ins Ausland.

Wir hören diese Geschichten von Kamar, unserer libanesischen Freundin und Begleiterin auf unseren Touren. Wir hören sie von Mikel, Batoul, Baha, Nazar, Mirwet,…

Und gleichzeitig sind es diese Menschen, die alles tun, um ein klein wenig Hoffnung zu sähen. Die Schulen gründen, die Texte schreiben, die ihr Wissen mit anderen Teilen, die uns helfen anderen zu helfen…

Wie schön! Das von uns so geschätzte Bild der „Menschheitsfamilie“ wird hier im wahrsten Sinne spür- und greifbar. Während ich von Mikel, einem muskelbepackten syrischen Christ im palästinensischen Flüchtlingsgetto „Shatila“ spontan und unerwartet eine Rückenmassage gegen meine Bandscheiben-Probleme bekomme, versuche ich ihm zu beschreiben, was der Begriff „Menscheitsfamilie“ für uns bedeutet. Ganz schnell hat er begriffen und sagt: „Genau darüber haben wir doch schon gestern gesprochen, als wir feststellten, es sei nicht fair, dass deine Kinder mehr Recht auf Bildung haben als meine.“ Wir schweigen und mir drücken sich schon wieder mal die Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, ob aus Rührung darüber, dass wir uns so gut verstehen oder aus Zorn über diese Ungerechtigkeit.

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Pascal hat von unseren libanesischen Freunden das Prädikat „libanesischer Taxifahrer“ ausgestellt bekommen, weil er verstanden hat, dass hier eine rote Ampel nur eine Empfehlung zum Anhalten ist, und rechts wie links Überholen dem Verkehrsfluss nur zuträglich ist.

Sicher steuert er uns auf unseren Besorgungsfahrten kreuz und quer durch Beirut. Manchmal taucht in mir die Frage nach der Sinnhaftigkeit auf, wenn wir stundenlang auf der Suche nach DIN A2-Papier, Whiteboardmarkern oder einem guten Wechselkurs durch diese Großstadt kreuzen. Selbst der viel besagte Spruch vom „Tropfen auf den heißen Stein“ verblasst für mich dann manchmal.

Wenn dann aber Anita, Stefan, Heiko und Sonja mit ihren Clownshows Kinderherzen höherschlagen lassen oder Till, Anja und Sabine mit ihren Malworkshops binnen weniger Minuten ein unglaubliche Ruhe und Konzentration der vielen Kinder in den engen Klassenräumen hervorrufen, dann ist er wieder da, der Funke Hoffnung, der kleine Tropfen, der doch so einen großen Unterschied zum „Nichts-tun“ macht.

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Das Gefühl, einen regelrechten „Wasserfall“ ausgelöst zu haben, hatten wir gestern, als wir in Burj Barajneh einer weiteren Schule in dem dortigen „Palästinenser-Camp“ zur Gründung verhalfen.

Ein paar Tage zuvor hatten wir ein ca. einstündiges Gespräch mit den jungen Lehrerinnen, die Pascal per Email um Hilfe gebeten hatten. Sie schilderten uns ihre Situation. Auch hier war ähnlich zu Shatila das Problem, dass einfach kein Geld da war, um sich Klassenräume anzumieten. Der Bedarf einer Schule überschritt aber die Größe der kleinen Dachterasse, auf welcher die Lehrerinnen bisher versuchen, möglichst vielen Kindern den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Obwohl wir bereits beim ersten Treffen zugesagt hatten sie zu unterstützen, konnten die Damen es gar nicht fassen, dass wir ein paar Tage später unser Versprechen einhielten und die Jahresmiete für das neue Schulgebäude (eine drei-Zimmer-Wohnung) an den Besitzer übergaben. Die glänzenden Augen der Lehrerinnen standen denen der Kinder bei den Clownshows in nichts nach. Wie unwahrscheinlich ist es, dass durch eine Email an eine winzige NGO wie die „Karawane der Menschlichkeit“, der Traum von der eigenen Schule in Erfüllung geht? Gar nicht so unwahrscheinlich! In unserem Fall eher: typisch Karawane!

Auch von diesem Schulprojekt werden wir in den nächsten Jahren immer wieder berichten.

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Die Größe unserer „Karawane“ hat auch hier vor Ort einen Höchststand erreicht. Mit zehn Leuten vor Ort zu sein bedarf auch einiger zwischenmenschlicher Achtsamkeit. Nach Feierabend reden wir viel über das Erlebte, besprechen die nächsten Tage und auch der Humor kommt in dieser Konstellation nicht zu kurz. Wenn nicht gerade die Clowns dafür sorgen, so ist es mit unter mein eigenes Talent für das Auffinden von Fettnäpfchen.

Auf dem Rückweg von Shatila bin ich mit meinen Flip-Flops auf einem Gullideckel ausgerutscht und mit den Zehen in dessen Gitter geraten. Einen Sturz und Zehenbruch konnte ich nur durch einen beherzten Griff nach etwas Greifbarem verhindern. Dass dies ausgerechnet der Hintern einer Frau mit Kopftuch war, war für mich und die Frau höchst peinlich, sorgt aber wohl in der Gruppe noch für lange Zeit dafür, schlechte Stimmungen schon im Keime zu ersticken...

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Palästinenser-Shatila

Staatenlos = Heimatlos?

Als wir im Oktober 2021 zum ersten Mal mit der „Karawane der Menschlichkeit“ in den Libanon reisten, dachten wir, wir würden mit unseren Projekten hauptsächlich aus Syrien geflüchteten Menschen helfen. Die Fügung stellte uns jedoch Kamar zur Seite. Die junge libanesische Journalistin hat uns bald auf das jahrzehntelange Leid anderer Flüchtlinge im Libanon hingewiesen. Und in diesem Falle verwende ich bewusst das Wort „Flüchtlinge“ anstatt „Geflüchtete“, denn „Flüchtling“ bedeutet eben nicht nur einst geflüchtet zu sein, sondern ein Lebtag lang „Flüchtling“ zu bleiben.

Und genau dieses Schicksal teilen viele palästinensische Flüchtlinge im Libanon.

Wenn ich nun schreiben möchte, aus welchem Land diese Menschen geflohen sind, was sollte ich dann schreiben?

Aus Palästina, aus Israel, aus der Westbank, dem Gaza-Streifen,...?

Nichts davon wäre wirklich korrekt. Der Staat Palästina wird u.a. auch von Deutschland nicht als solcher anerkannt, Israel ist nicht das Land, als welches diese Menschen ihr Heimatland bezeichnen und nur ein Teil der Palästinenser stammt aus der Westbank oder dem Gaza-Streifen. Das einstige Palästina umfasste weitaus größere Gebiete, als die heutigen, zumindest auf dem Papier existierenden palästinensischen Autonomiegebiete.

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Insgesamt leben im Libanon wohl ca. eine knappe Million von Israel vertriebene Palästinenser, die offiziell registrierte Zahl beträgt derzeit ca. 450.000. Viele von ihnen leben in großen Flüchtlingslagern, die eher einem Stadtteil oder Ghetto gleichkommen, als unserer Vorstellung von einem „Flüchtlingslager“.

Mit ihren mehrstöckigen Häusern, dicht an dicht gebaut und nur von engen Verbindungsgassen getrennt, haben diese Viertel mit die höchste Bevölkerungsdichte weltweit. So leben im „Lager“ Shatila auf etwa einem Quadratkilometer über 22.000 Menschen. Neben Palästinensern leben hier inzwischen auch bis zu 50% syrische Geflüchtete.

Und genau hierher, nach Shatila, hat uns Kamar im Oktober 2021 gebracht. Aus diesem ersten Besuch ist mittlerweile eine weitere wichtige Säule der Karawane entstanden. In Shatila haben wir durch Spendengelder die Gründung einer Schule ermöglicht. Ebenso konnten wir im Mai 2022 einer weiteren Schule im Lager von „Bourj al Barajneh“ zur Entstehung verhelfen.

Zwangsläufig haben wir dadurch viel über die Situation der Palästinenser erfahren. Batoul, Mirwet, Baha, Nazar,... reden oft von der prekären Lage, in der sie sich befinden. Ihre Kinder leben nun in vierter Generation im Libanon, haben aber immer noch keine Bürgerrechte. Sie dürfen 70% der Berufe überhaupt nicht legal ausüben, kaum etwas studieren, nicht an den Wahlen teilnehmen, nirgendwo hinreisen, in manchen Lagern nicht einmal das Lager verlassen…

Ihre Groß- oder Urgroßeltern haben ein Land verlassen, das es heute nicht mehr gibt. Viele der alten Menschen in Shatila tragen noch immer den Schlüssel ihres Hauses im ehemaligen Palästina um den Hals. Obwohl ihre Häuser oft längst zerstört oder abgerissen wurden, haben sie weiterhin die Hoffnung, eines Tages wieder ihre eigene Haustür aufsperren zu können und heim zu kehren.

Die heutige palästinensische Jugend im Libanon kennt Palästina nur noch aus Erzählungen und hört von Bombardierungen und Angriffen Israels auf das gelobte Land ihrer Eltern und Großeltern. Dennoch fühlen auch sie sich noch als Palästinenser. Im Libanon sind sie selbst in vierter Generation noch Menschen zweiter Klasse, und das Ausreisen in andere Länder ist für sie nahezu unmöglich.

Unser Freund Baha erzählt uns von Palästinensern, die es geschafft haben, sich eine zweite Identität zu zu legen, um dann mit gefälschten Papieren über das Ausland wenigstens einmal in die Heimatdörfer ihrer Vorfahren reisen zu können. Auch für Baha wäre dies ein Traum. Zwar könne er das Dorf seiner Familie im heutigen Israel von der libanesischen Grenze aus sehen, doch betreten wird er es wohl nie…

In der Zeit, in der wir uns mitten unter den Palästinensern von Shatila befinden, wird die palästinensische Journalistin Shireen Abu Akleh während ihrer Arbeit im Westjordanland ermordet. Obwohl hier im Libanon von Anfang fest zu stehen scheint, dass sie von israelischen Scharfschützen gezielt erschossen wurde, schreiben große deutsche Online-Medien zunächst, dass möglicherweise palästinensische Bewaffnete in einer wilden Schießerei die Journalistin getötet hätten. Auch sonst bleibt in der westlichen Welt Empörung und Kritik weitgehend aus.

 

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Auf einem Streifzug durch das Labyrinth von Shatila unterhalte ich mich mit Baha darüber und erkläre ihm, dass viele Deutsche auch aufgrund unserer Geschichte Angst haben, wegen Kritik an der israelischen Politik in die antisemitische Schublade gesteckt zu werden.

Baha schaut mich etwas verwundert an und meint: „Es geht doch hier nicht um Kritik an den Juden!“ Das Problem bestehe nicht zwischen den verschiedenen Religionen hier im mittleren Osten. Diese Religionen haben über lange Zeit in friedlicher Koexistenz neben einander her gelebt. Es gehe hier um Macht und Unterdrückung, um Teilen und Herrschen.

Auch wenn in den folgenden Tagen immer mehr Bilder der ermordeten Shireen Abu Akleh an die Hauswände von Schatila geklebt werden, so verspüren wir als offensichtlich westliche Besucher dieses Viertels nie nur die geringste Form von Abneigung oder Hass. Eigentlich hätte ich das fast erwartet. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir mit den Menschen ins Gespräch kommen, hören wir viel Verzweiflung und Resignation, aber auch Freude und Hoffnung darüber, dass hier doch noch Leute aus dem fernen Europa vorbeischauen, um diese Menschen zu unterstützen, wahrzunehmen und wertzuschätzen...

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Ob im Libanon, Palästina oder Israel,

ob in Deutschland, Ukraine oder Russland,

Wir als Menschheitsfamilie weigern uns Feinde zu sein!

Mögen die mächtigen weißen Herren auch tun was wir nicht wollen, wir hier auf dem Boden der Realität reichen uns die Hände und setzen unseren Weg fort, mit der "Karawane der Menschlichkeit"!

Schleißt auch Ihr Euch uns an, indem Ihr uns unterstützt:

https://karawane-der-menschlichkeit.org/spenden:

 

 

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